Mittwoch, 21. Mai 2008

angekommen

Die chilenische Flagge ist weiß, rot und blau. Blau für den Himmel (die bairische Flagge hat ihr Blau aber mehr verdient!), Rot für das Blut der Freiheitskämpfer und der Mapuche und weiß für den Schnee der Anden. Das ist Chile.

Ist das Chile?

Als mir mein nagelneuer Freund vor über einem Jahr erzählt hat, dass er bald für ein Jahr nach Chile geht, wusste ich überhaupt nichts über dieses Land. Geschweige denn ein Wort Spanisch...

Und – uutsch – auf einmal fand ich mich April 2008 am Flughafen Franz Josef Strauß wieder, vollgepackt mit 22 auf zu viele Rucksäcke verteilten Kilo und einem Ticket über Paris nach Chile – Südamerika. Jaaa genau, Chile liegt NICHT in Afrika ;-)

Genauer gesagt liegt Chile im Westen von Südamerika am Pazifik und streift den Atlantik (klaut Bolivien übrigens den wichtigen Meereszugang). Ein langes, dünnes Land voll von fremden Ungewöhnlichkeiten und liebenswerten Seltsamkeiten. Voll von Wüste, Anden, Schnee, Hochebenen, Wäldern, Seen. Voll von Müll, Smog, Autos, Fast-food Ketten, voll von Spinnen, Kakerlaken, Lamas und Flamingos. Erfüllt von einer zerissenen Geschichte untergegangener Stämme, Kolonien, Diktatur und Demokratie. Das ist Chile so wie ich hineingetreten bin.

Über ein Monat ist jetzt schon vergangen, seit ich meinem Pololo erschöpft in die Arme gefallen bin. Am Anfang war es schwer, sich in Santiago zurecht zu finden und auch durch die Tatsache, dass mir alle 5 Minuten ein Chilene nachruft oder nachpfeift (blond-groß-UH) und die Chilenen (bei aller Liebe!!)anfangs KEIN BISCHEN zu verstehen sind (spricht man hier echt Spanisch?!?) habe ich mich in den ersten Wochen recht verloren und deplaziert gefühlt. Alles Menschen, klar, aber doch eine ganz andere Welt.

Doch ich habe mich von meinem Kulturschock erholt und angefangen zuzuhören und durch die Straßen Santiagos zu wandern. Viele Chilenen behaupten ja, „Santiago ist Chile“.

Und was ist denn Santiago? In Santiago haben die Läden 7 Tage die Woche auf und man kann an jeder Ecke Empanadas und Schokoriegel kaufen. Alkohol trinken ist in der Öffentlichkeit verboten aber dafür gibt es genug Bars, Pubs, Schoperias, Cervezerias, etc um gemütlich draußen oder drinnen die schönsten Pisco-Mischgetränke oder Bierwasser aus Literflaschen zu trinken.

Santiago liegt im Kessel und im Winter kann man keine 100 Meter weit sehen, so schlimm ist der Smog. Da Chile auf der Südhalbkugel (!) liegt, wird es im Moment gerade Winter.

Die Stadt ist angefüllt von Müll, Autos und Bussen. Der Rio Mapocho ähnelt ziemlich den Deutschen Abwasserkanälen – und riecht auch so ;-) und METROFAHREN können die Chilenen echt nicht.. dazu ein andermal mehr (darüber könnte man ein Buch schreiben!!!). Die Stadt ist vollgekleistert mit hässlichen Häusern, grauen Straßen und Malls – scheinbar das einzige Freizeitvergnügen für Chilenen. Ein paar Parks gibt es, doch Sport machen ist zwischen dem Geruch verschiedenster frittierter Gerichte, süß und salzig, eigentlich nicht möglich. Dafür gibt es zahlreiche Fitnessstudios für die gestressten NeoYuppies – Natur scheint hier keinen Platz zu haben.

Doch zwischen all dem Streß, der Armut und dem Müll finden sich auch viele Palmen die einen südlichen Wind in den stehenden Gestank bringen.

In unserem Barrio Brasil zum Beispiel sind die Straßen (alles Einbahnstraßen!!) von Palmen durchzogen. In den vielen kleinen Zubringerstraßen finden sich tausende wunderhübsche alte Häuschen die durch ihre verschiedenen kunterbunten Farben Fröhlichkeit und Wärme auf den grauen Wegen erschaffen. Viele Straßenhunde streifen durch die Gegend auf der Suche nach Essen oder ein bischen Kraulerei, Tauben und Vögel hüpfen über die Grünflächen und picken was sie finden – die Straße wirkt tot aber bei einem genaueren Blick findet sich sehr viel Leben. Genau wie Santiago selbst. Zwischen Plastikstühlen und Pizza Hut sucht sich chilenische Kultur vergeblich. Doch auf Fiestas und in Salsatheken zeigen die Südamerikaner, dass sie ihren Hüftschwung noch nicht verlernt haben und Cueca tanzen können die meisten. Auf der Straße ist die südliche Gemütlichkeit nur allzu präsent und treibt so manche Europäerin in den Wahnsinn.

Trotzdem.. ich finde nicht, dass Santiago Chile ist. Santiago ist ein Teil, ein eigener Mikrokosmos für sich, aber es lassen sich noch ganz andere Dinge finden. Als es heute morgen geregnet hatte, konnte ich auf meinem Weg in die Arbeit zum ersten Mal die Berge am Rande der Stadt ganz deutlich sehen. Normalerweise sind sie von Nebel verhüllt. Das Wasser ist überall durch die Straßen geflossen und hat den ganzen Dreck weggespült. Doch auch wurde schon wieder gerast und gehupt um die Klarheit erneut zu trüben.

In diesem Moment (als mich ein fetter Pickup von oben bis unten mit grauer Brühe vollgespritzt hat!) dachte ich mir... nein das ist nicht Chile. Chile ist für mich der Schnee auf den Anden, das Rauschen des Meeres, glühende Straßen, endlose Dünen in der Wüste. Der Klang von Panflöten in verlorenen Hochebenen. Die Panamerican, Küstenstädte, graues Meer und schwarze Steine. Türkises Meer, Riesenwellen auf Braunem Sand. Kahle Berge, dampfende Schwefelthermen und weite Seen. Chile ist auch Hektik, Stress und Entwicklung, Kakerlaken, Straßenkötis und Spinnen, verlorene Kultur, Suche nach Identifikation und chaotisch vollgestopfte Metros. Das sind auch grölende Fußballfans, pfeifende „viejos verdes“, Papas Fritas und Pullmanreisen (ein Busunternehmen; Züge gibt’s hier so gut wie keine).

Und was Chile noch so alles ist.. ich hoffe ich werde es herausfinden. Und berichte ;-)



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